Die meisten S/4HANA-Business-Cases sind Fiktion – und das weiß das Management
Über die Realität von Nutzenrechnungen in ERP-Projekten, warum Effizienzgewinne selten realisiert werden – und wie ein Business Case aussieht, der nach dem Go-Live noch zutrifft.
Irgendwann im Verlauf jedes größeren S/4HANA-Projekts entsteht ein Dokument, das in PowerPoint mehr wie eine Investmentbank-Analyse aussieht als wie eine ehrliche Unternehmensplanung. Effizienzgewinne in der Buchhaltung. Reduzierte Bestandskosten durch bessere Transparenz. Schnellere Monatsabschlüsse. Synergien durch harmonisierte Prozesse. Zusammengezählt ergibt das eine beeindruckende Zahl, die den Investitionsbedarf rechtfertigt und den Aufsichtsrat überzeugt.
Drei Jahre nach Go-Live fragt niemand mehr nach diesen Zahlen. Das ist kein Zufall.
Warum Business Cases in ERP-Projekten systematisch überschätzt werden
Es gibt mehrere Mechanismen, die zusammenwirken und Business Cases in die Höhe treiben – unabhängig von der Seriosität der Beteiligten.
Der erste ist strukturell: Business Cases in ERP-Projekten werden meistens erstellt, um eine Investitionsentscheidung zu begründen, nicht um sie zu hinterfragen. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Wer mit dem Auftrag betraut wird, den Nutzen eines geplanten Projekts zu berechnen, produziert unter implizitem Druck eine Zahl, die das Projekt rechtfertigt. Das ist keine Lüge – aber es ist auch keine neutrale Analyse.
Der zweite Mechanismus ist methodischer Natur: Effizienzgewinne aus Prozessverbesserungen sind leicht zu schätzen und schwer zu realisieren. Der klassische Fall: „Durch S/4 reduzieren wir den manuellen Aufwand im Rechnungswesen um 30 Prozent.“ Das mag realistisch sein – aber es bedeutet nicht automatisch, dass 30 Prozent der Stellen eingespart werden. In der Realität verteilen sich die gewonnenen Stunden auf viele Mitarbeiter, die diese Zeit mit anderen Aufgaben füllen. Der Gewinn ist real, aber er ist unsichtbar in der GuV.
Drittens: Synergien, die von globalen Template-Rollouts erwartet werden, unterschätzen systematisch die Implementierungskosten von Abweichungen und die kulturelle Trägheit lokaler Organisationen. Ein globales Template, das für 80 Prozent der Länder passt und für 20 Prozent erhebliche Anpassungsarbeit erfordert, produziert Synergien – aber nicht in der Höhe, die ein vereinfachendes Modell verspricht.
Was das Management wirklich denkt
In vertraulichen Gesprächen bekennen viele CFOs und CEOs, dass sie den Business Cases für ihre ERP-Projekte nie vollständig geglaubt haben. Sie haben sie genehmigt, weil sie wussten, dass ein Wechsel auf S/4 mittelfristig keine Option ist – weil SAP den Support für ältere Systeme beendet, weil die Plattform veraltet ist, weil die technische Schuld wächst.
Das ist eine legitime Entscheidungsgrundlage. Aber sie ist eine andere als die, die im Business Case steht. Und dieser Unterschied hat Konsequenzen: Wenn das eigentliche Motiv „wir müssen, weil wir sonst veralten“ ist, aber das Rechtfertigungsdokument „wir werden deutlich effizienter und sparen 18 Millionen Euro“ sagt, dann entsteht ein Erwartungsgefälle, das sich nach dem Go-Live schmerzhaft bemerkbar macht.
Mitarbeiter, die gehört haben, dass das Projekt ihren Alltag vereinfachen wird, sind enttäuscht, wenn die ersten sechs Monate turbulent sind. Führungskräfte, die auf Nutzenzahlen angesprochen werden, die nie realisiert wurden, verlieren Vertrauen in Projektversprechen. Und das nächste Transformationsprojekt startet mit einem Vertrauensdefizit.
Wie ein Business Case aussieht, der ehrlich ist – und trotzdem funktioniert
Ehrliche Business Cases für S/4-Projekte bestehen aus drei Teilen, die klar voneinander getrennt werden.
Teil eins: Der Pflichtnutzen. Was passiert, wenn wir nicht migrieren? Steigende Wartungskosten, auslaufender Support, zunehmende Integration-Probleme, wachsende technische Schuld. Dieser Teil des Business Cases ist defensiv – aber er ist real und berechenbar. Viele Investitionsentscheidungen lassen sich allein damit rechtfertigen.
Teil zwei: Der wahrscheinliche Nutzen. Welche Effizienzgewinne sind realistisch, und wie werden sie konkret realisiert? Hier ist Präzision entscheidend. Nicht „wir sparen im Rechnungswesen 30 Prozent“, sondern: „Wir reduzieren die Bearbeitungszeit pro eingehender Rechnung von acht auf fünf Minuten. Das entspricht bei einem Volumen von 200.000 Rechnungen pro Jahr einer Kapazitätsreduktion von X Vollzeitstellen, die in Y realisiert werden.“ Dieses Niveau der Spezifikation ist unbequemer – aber es ist das einzige, das nach Go-Live überprüfbar ist.
Teil drei: Der mögliche Nutzen. Was wird möglich, wenn die neue Plattform steht? Bessere Echtzeitanalysen, neue Geschäftsmodelle, beschleunigte Abschlüsse, verbesserte Prognosefähigkeit. Dieser Teil sollte als Potenzial ausgewiesen werden, nicht als gesicherter Nutzen. Potenziale haben keine Eintrittswahrscheinlichkeit von 100 Prozent – und das sollte im Dokument stehen.
Nutzenrealisierung als eigenes Vorhaben führen
Der wichtigste Punkt ist struktureller Natur: Nutzenrealisierung passiert nicht automatisch. Sie muss geführt werden.
Das bedeutet konkret: Für jeden Nutzen im Business Case gibt es eine verantwortliche Führungskraft – nicht im Projekt, sondern in der Linie. Diese Person verpflichtet sich auf ein Ziel und einen Zeitplan. Sie bekommt ein Budget, wenn Investitionen nötig sind, und sie reportet quartalsweise an den CFO oder COO, was realisiert wurde und was nicht.
Kein einziges Unternehmen, das diesen Mechanismus nicht hat, realisiert seinen Business Case vollständig. Das ist keine Einschätzung – das ist eine Beobachtung aus Dutzenden von Projekten.
Ein Konsumgüterunternehmen hat das konsequent umgesetzt: Sechs Monate vor Go-Live wurde ein „Value Realization Board“ eingerichtet, das unabhängig vom Projektsteuerkreis operierte. Zwölf Nutzeninhaber aus der Linie, quartalsweises Review, direktes Reporting an den CFO. Zwei Jahre nach Go-Live waren 71 Prozent des geplanten Nutzens realisiert. Für ERP-Projekte ist das eine außergewöhnliche Quote – der Industriedurchschnitt liegt deutlich darunter.
Die ehrlichere Frage, die Executives stellen sollten
Statt zu fragen „Wie groß ist unser Business Case?“, wäre die produktivere Frage: „Wer ist nach dem Go-Live persönlich dafür verantwortlich, dass dieser Nutzen entsteht?“ Wenn diese Frage in der Planungsphase keine klare Antwort hat, ist der Business Case im besten Fall ein Wunschzettel.
Und noch eine Frage, die selten gestellt wird: „Welchen Nutzen können wir innerhalb der ersten zwölf Monate nach Go-Live mit Sicherheit nachweisen?“ Diese Einschränkung auf Sicherheit und Zeitnähe diszipliniert die Nutzenplanung erheblich – und produziert Business Cases, die danach noch jemanden interessieren.
Der Wechsel auf S/4HANA lohnt sich für die meisten Unternehmen. Aber er lohnt sich aus anderen Gründen als den, die im Business Case stehen. Je früher das ausgesprochen wird, desto ehrlicher sind die Erwartungen – und desto größer die Chance, dass am Ende tatsächlich etwas realisiert wird.
Für einen persönlichen Austausch steht der Autor gerne zur Verfügung. Kontakt per E‑Mail .